Alle Zur Rechenschaft Ziehen

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We were invited by a local German-speaking newspaper to write an opinion piece, reflecting on our experience at the World Economic Forum. This is our contribution.

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Nikolaj Fischer verfasst.

Das Weltwirtschaftsforum (WEF) sollte vergangene Woche erneut Spiegelbild weltpolitischen Ausmaßes sein. Prominent eingespielte Gäste wie Angela Merkel spiegeln die Machtverschiebungen auf dem politischen Parkett Europas wieder. Zur Beruhigung der globalen Finanzmärkte singt der Chor europäischer Ministerpräsidenten im Einklang zu Frau Merkels orchestrierter fiskalpolitischer Disziplin. Guido Westerwelle, deutscher Außenminister, erinnert in Komödien-haften Englisch daran, dass man von China aus auf Europa blickt und nicht auf die Vielzahl europäischer Einzelstaaten. Das Fehlen politischer Entscheidungsträger  aus den USA und der Chinesischen Volksrepublik wird allerdings als Rückgang der Einflusskraft des WEFs verstanden. Nimmt doch die Rolle Europas im Zuge geopolitischer Machtverschiebungen ab.

Insbesondere Mann (17% Frauenanteil) predigt die weltpolitische Bedeutungsverschiebung hin zu den aufstrebenden Ländern des Südens. Das WEF bemüht sich dem Investitionsklima zu Liebe Afrika in ein positives Licht zu rücken. Es ist nicht mehr nur die Rede von Entwicklungshilfe sondern von „De-Risking Africa“ oder „The Promise of Africa“. Ist doch der Anteil von Teilnehmern aus den Entwicklungs- und Schwellenländern stetig angewachsen. In den wohl gefüllten Konferenzsälen fällt allerdings schnell auf, dass der Weiße Mann an Präsenz überwiegt. Das Online Magazin Quartz gibt detailliert Auskunft über die Zusammensetzung der Teilnehmer.

Bild: The confidential list of everyone attending Davos this year (Regions); Quelle: qz.com.

Bild: The confidential list of everyone attending Davos this year (Regions); Quelle: qz.com.

Der wegen Spitzengehältern in der Presse angeprangert Novartis Konzern stellt seinen CEO Joseph Jimenez frei für eine vom WEF Medienteam leidenschaftlich veranstaltete Pressekonferenz. Gemeinsam mit Paul Kagame, dem Präsidenten Ruandas und dem weltberühmten Ökonomen Jeffrey Sachs stellt man in nur 15 Minuten das ambitionierte Projekt zur Ausbildung einer Million Krankheitsbekämpfern für Afrika vor. Einer der vielen Beiträge, die das WEF von seinen Teilnehmern einfordert, ganz nach dem Motto “den Zustand der Welt verbessern“.

Und die Schweiz? Die öffentliche Meinung präsentiert sich gewohnt ambivalent zwischen ‘Stolz’ und ‘Schande’. Doch mit der Weltbühne im eigenen Land fühlt sich die Schweiz wohl. Besonders wenn sie überall mitreden kann, sich von aktuellen Geschehnissen, wie die europäische Finanzkrise, jedoch nicht betroffen fühlen muss. Angetrabt mit der zweitgrößten Delegation von Regierungsvertretern, kann sie wichtige Kontakte pflegen, um den Ansturm der Globalisierungs-Kavallerie einzudämmen. Als schöner Werbeeffekt lesen wir zudem gerne die zahlreichen Einleitungssätze über verschneite Schweizer Berge in der internationalen Presse. Schlecht nur für das Image der Schweiz, dass der Davoser bis zu 5000 Franken für eine Woche Unterkunft nimmt, schreibt das Davoser Tagblatt. Michele Mischler von der Medienstelle des WEFs kündigt an, dass das WEF bereit ist, sich diesem „Davoser Phänomen“ zur Wehr zu setzen.

Global, verantwortlich und den Märkten zu Liebe, so kann man viele der geführten Debatten umschreiben. Ein Journalist des Wirtschaftsmagazins Trends für die Arabische Welt offenbarte uns, dass 80% der Gespräche hinter unseren Rücken und verschlossenen Türen ablaufen. Häufig ein Grund für die anhaltende, aber abnehmend manifeste Kritik gegenüber dem WEF, welches sich seit der Gründung des parallel stattfindenden Open Forums im stetigen Öffnungsprozess befindet, erklärt uns langjähriger Open Forum Besucher Urs Heinz.

Davos dient nicht nur als wichtige Plattform für die zahlreichen bilateralen und den jeweiligen Partnern dienlichen Treffen. Wir trafen uns beispielsweise mit Arianna Huffington, Gründerin der Huffington Post, um uns über unsere Partnerschaft persönlich auszutauschen. Die ambitionierte Vision des WEFs globale Probleme in „Multi-Stakeholder“ Partnerschaften zu lösen, verursacht aber offenkundig auch viel Gerede. Neu war jedoch die verstärkte Einbindung von Sozialunternehmern und jungen Teilnehmer sowie die erhebliche Mobilisierung durch soziale Medien wie Twitter. Unter dem Hashtag #wef wurden bis zu 40.000 Nachrichten täglich verbreitet, auch hier ein Zeichen zunehmender Transparenz, sagt Randall Krantz ehemaliger WEF Mitarbeiter und Umweltaktivist via Telefon aus dem Sabbatical im Bhutan.

Es liegt nun am WEF und den Medien diese Nachrichten aufzugreifen und die Verantwortlichen an ihren Aussagen zur Rechenschaft zu ziehen. Wir sind gespannt, ob wir bald von konkreten, innovativen Lösungsansätzen globalen Ausmaßes hören werden. Deutschland schießt beispielhaft bis zu einer Milliarde Euro in den bereits 2001 am WEF initiierten Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria ein.

Sicher sind wir uns dessen aber nicht. Wie Pooran Desai, Sozialunternehmer und Gründer von Bioregional in den UK, uns in Davos sagte, die Macht und Fähigkeit zur Veränderung liegt nicht bei den Ministerpräsidenten und CEOs. Diese stehen den globalen Problemen oft hilflos gegenüber, begrenzt in ihren Handlungen durch Parteien, Gremien und Aktionärsinteressen zurück zu Hause. Herr Desai wünscht sich für die Zukunft mehr Sozialunternehmer am Forum, bei diesen sieht er die wirkliche Macht zur Lösung globaler Probleme.

Bild: Andreas Slotte interviewt Zanny Minton Beddoes (Wirtschaftsredakteurin, The Economist); Quelle: Student Reporter/Nikolaj Fischer.

Bild: Andreas Slotte interviewt Zanny Minton Beddoes (Wirtschaftsredakteurin, The Economist); Quelle: Student Reporter/Nikolaj Fischer.

Mit einem Team von sechs Studierenden aus Deutschland, Finnland, Indien, Kannada und der Schweiz konnten wir als studentische Reporter das Geschehen am WEF vor Ort mitverfolgen. Viele Bilder aus den Medien und der öffentlichen Meinung sehen wir bestätigt, aber ebenso viele finden höchstens ein Nischendasein. Wenn Herr Desai recht behalten soll, so hoffen wir zukünftig nicht nur mehr Sozialunternehmer und Teilnehmer der jüngeren Generation am Forum anzutreffen, sondern auch mehr über sie zu lesen und zu hören, um deren Einfluss zu stärken. Eine Verantwortung, die Medien und Öffentlichkeit trotz häufig geschlossener Türen wahrnehmen können. Die deutsche TAZ ragt überraschend als Vorbild heraus.

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